Auf Einladung des Deutsch-Russischen Forums konnte ich im Oktober einige Tage in Irkutsk, nahe des Baikalsees, verbringen. Dort trafen sich 20 Nachwuchsjournalisten aus Russland und Deutschland, um sich über das Thema Umweltjournalismus auszutauschen.
Mit Umweltthemen bin ich in meiner täglichen Arbeit für das Wirtschaftsnachrichtenportal nov-ost.info immer wieder konfrontiert. Und so galt mein besonderes Interesse beim Medienforum auch der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Ökologie. Die in Irkutsk geführten Diskussionen haben mich in der Meinung bestärkt, dass eine gründliche Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge auch für den Umweltschutz sehr relevant ist.
Ein Höhepunkt unseres Aufenthaltes in Sibirien war der Besuch im berühmt-berüchtigten Zellulosekombinat im Städtchen Baikalsk, das seine Abwässer in den Baikalsee (der rund 20% der Süßwasserreserven weltweit enthält) leitet. Unter der Auflage, keine Ton- oder Bildaufnahmen zu machen, durfte unsere Gruppe das Werk, das Klaus Bednarz in seiner „Ballade vom Baikalsee“ seinerzeit nur vom Wasser aus filmen konnte und das auch sonst nicht gerade für seine Transparenz bekannt ist, besichtigen. Ein geschickter Schachzug des neuen Direktors: in der ersten Klärstufe brodelten und stanken die Abwässer zwar unbeschreiblich. Doch wie viele Schadstoffe sie nach biologischer und chemischer Reinigung tatsächlich noch enthielten, vermochte ohne Messgeräte niemand zu beurteilen. Der Direktor hatte versichert, er würde das Abwasser, so wie es in den See fließt, trinken, und tatsächlich machten sich unter den versammelten Journalisten leise Zweifel breit an der bisher in den Medien einhellig verbreiteten Geschichte vom Umweltmonster.
Die neue Art der Öffentlichkeitsarbeit in Baikalsk mag vielleicht charakteristisch sein für eine neue, noch zaghafte Offenheit gegenüber Umweltthemen in Russland. Während diese über lange Jahre vollkommen im Schatten des wirtschaftlichen Aufschwungs standen, konnten Umweltschützer jüngst einen spektakulären Erfolg verbuchen: nach Protesten gegen die Abholzung des Moskauer Stadtwaldes Chimki für den Bau einer Fernstraße nach St. Petersburg ordnete Präsident Medwedew höchstpersönlich einen Baustopp an. Schwerer haben es Umweltschützer beim zweiten großen Thema in Russland derzeit: die Olympiade in Sochi. Ökonomische Interessen und Prestigefragen scheinen hier ein eindeutiges Übergewicht gegenüber dem Erhalt der Natur zu haben. Schwierig hat es auch der Klimaschutz in Russland: ein paar Grad mehr würden Sibirien kaum schaden, äußern zuweilen selbst gestandene Wissenschaftler. Auch dass diese paar Grad möglicherweise zum Auftauen von Permafrostböden führen könnten, vermag sie nicht zu schrecken.
Mehr Aufmerksamkeit in Deutschland würde schließlich der neben dem Zellulosekombinat zweite große Tätigkeitsschwerpunkt der Irkutsker Umweltaktivisten von der Baikalwelle verdienen: der Kampf gegen die Urananreicherung in Angarsk. Hier nämlich werden, in unmittelbarer Nähe zu einem der größten Naturwunder der Welt, auch Abfälle aus deutschen Atomreaktoren wieder aufbereitet.